© Tages-Anzeiger; 2000-10-16; Seite 50

Kultur

Der Papa Schlumpf der hiesigen Szene

Die Punkwoche rollte über die Bühne der famosen Sansibar und fegte den alten Züri- Punk weg. Gut so?

Von Philippe Amrein

Die Woche über haben sie geschuftet, für andere den Dreck gemacht. Doch nun ist die Zeit gekommen, endlich das eigene Ding durchzuziehen. Oh ja, denn da sind sie auch schon, die Züri-Punks.

Aber eben, die Welt der drei Akkorde hat sich verändert. Man trifft sich nicht mehr in verraucht-versifften Kellerlokalen, wo der Verputz von den Wänden bröckelt, denn man hat mittlerweile in der neu aufgezogenen Sansibar ein Lokal gefunden, wo man nun auch überirdisch gepflegt die Post abgehen lassen kann. Und wenn schliesslich, wie im Verlauf der letzten Woche, sieben Abende lang der Punk ins Zentrum gerückt wird, melden sie sich alle wieder pünktlich zum Dienst, die "Downtown Switzerland Punks".

Glitzernd dreht sich die Discokugel, eisig rotiert die Frozen-Margharita-Maschine, und vor dem Leopardenfell besteigen verschiedenste Formationen die Bretter, die Zürich bedeuten. Von den Einstiegsfetzereien der französischen Gasolheads bis zum finalen Gitarrensignal der heimischen Combo Fleisch wurde stilvoll und vor allem kräftig gerockt.

Ein alles erklärendes "Yeah!"

Eine ganze Latte von Bands war angesagt, beheimatet in verschiedenen Punk-Genres wie Punkabilly, Schweinedampfhammerrock, Westside Punkrock und gutem, altem 1-2-3-Losgeh-Punk. Die Musiker gingen dabei mit mehr oder weniger gezackter, kompakter Schnoddrigkeit gegen die Songs vor, nahmen sich clevere Covers vor wie das nahezu unantastbare "Sweet Home Alabama" (Vegas Thunder) oder Lenny Kravitz' "Mister Cab Driver" (Catchpole) und brachten ihre Beute sicher nach Hause.

Viel wichtiger als die Musik war im Rahmen der Punkwoche allerdings die soziale Komponente, der Blick auf das Publikum. Denn dort sagte mitunter ein unverwaschenes "Agnostic Front"-Shirt einer ausgeleierten "Adolescents"-Kutte Hallo, während der Rest der Publikumsmassen gerade damit beschäftigt war, elaborierte Tattoos vorzuzeigen. An den Tischen unterhielt man sich derweil über Iggy Pop ("Noch immer unvergessen, seine Gastrolle bei «Pete & Pete»") und Johnny Cash ("Ey, die neue Platte . . . fantastisch!").

Kommt das Gespräch dann wieder auf die gerade auftretenden Bands zurück, hilft man sich mit Adjektiven: krachend, scheppernd, derb, brachial, gnadenlos. Doch Adjektive zählen hier nicht, sondern lediglich ein ehrlich gemeintes, alles erklärendes "Yeah!". Denn nach Punk und Postpunk hat man sich wieder auf Rock 'n' Roll geeinigt - keine hochgefönten

Stachelfrisuren mehr, keine selbstgebastelten Jeansjacken, nur noch die neue Geradlinigkeit.

Der Code wurde neu formatiert, und so präsentieren sich auch die Bands (selbst jene aus dem befreundeten Ausland) nicht mehr als die ewig nörgelnden Heinis aus dem Sperma-Klassiker "Züri Punks", sondern als veritable Spass-Aggregate, die mitunter gar in Hawaii-Hemden (Catchpole) am Gitarrenbrett sägen.

Als schliesslich der Papa Schlumpf der hiesigen Punkszene, Los-Buffos-Frontmann Alain, mit Schwanenhals und Elvis-Mikrofon die Bühne stürmte, war das Sansibar endgültig gesegnet - als stilechte, neue Heimat des "Downtown Switzerland Punk". Als Punkstelle, wo sich ein ordentlicher Kanister Rock 'n' Roll zapfen lässt. Und so kann man auch die grosse Neil-Young-Hymne diesem Ort der gepfefferten Gemütlichkeit zueignen: "My my, hey hey, Rock 'n' Roll is here to stay." Aberschosicher!