© Tages-Anzeiger; 1999-09-03; Seite 66

Kultur

Schöner Musizieren

Zürichs Punkszene lebt! Bierselig und geistreich. Am Samstag zum Beispiel mit einer Singletaufe und drei Konzerten.

Von Thomas Kramer

Nun ist er wieder in aller Munde: Sigmund Widmer kandidiert auf der SVP-nahen Seniorenliste für den Nationalrat. Den Journalisten gefällt das gar nicht, und so wirft man ihm von "Facts" bis zur "Weltwoche" altersmässigen Eigennutz vor. Dabei hat der Herr bereits vor 25 Jahren, als er noch Sigi hiess und Zürichs Stadtpräsident war, Grosses zur Überbrückung des Generationengrabens geleistet.

"Rock ist keine Kultur", dekretierte er vor einem Vierteljahrhundert - der weitere Verlauf der Geschichte hat ihm Recht gegeben. Tatsächlich ver-

sirupt die Rockmusik immer mehr, ist überwiegend Teil einer Dienstleistungs- und Freizeitgesellschaft geworden, wo Skate-, Snow-, Wake- und Weiss-nicht-was-Boarder ihre

sponsorengetränkten Gruppenspiele zum Muskelschütteln im Viervierteltakt nutzen. Und dann diese Stadionanlässe, mit Mobiltoiletten, Getränkebons, Schalensitzen, ein Graus. Nein, Rock, da hatte Sigi W. durchaus Recht, ist keine Kultur.

Aber Punk ist! L'art pour l'art sozusagen, Kunst um der Kunst willen. Draufloshauen um des Draufloshauens willen. Auf die Trommelfelle, in die Bass-Saiten, aufs Gitarrenpedal. Man versammelt sich in gleichgesinnter Runde, denkt nicht ans Gelbe Konto, muss keinen Stimmzettel für irgendwelche Publikumspreise und Gummibötli-Wettbewerbe ausfüllen, nein, man trifft sich und beschäftigt sich mit Kultur. Kaum eine Kunstgattung hat kundigere Anhänger: Sie fachsimpeln zu leichten Spirituosen oder partizipieren freudvoll am Schaffen der Künstler auf der Bühne, feuern diese durch vielfältige Körperbewegungen an, in ihrem absichtslosen Tun fortzufahren.

Eine der erfreulichsten Erscheinungen in dieser selbstlosen, ganz dem Sein und Wirken sich verschreibenden Zürcher Punkszene ist das Trio Catchpole. Seit zwei Jahren mit schönerem Musizieren beschäftigt, kann die Band am Samstagabend ihre zweite Single präsentieren. Vier neue Catchpole-Songs in der bekannten prasselnden Punkrock-Manier, das ist ein Grund zum Feiern. Nächstes Jahr soll dann eine 10-Inch-Platte oder gar eine LP folgen. Für ihren Live-Vortrag haben sich die drei Tonkünstler gewiss wieder einiges einfallen lassen, und sie werden dabei von zwei weiteren Klangperlen unterstützt, den Bands Los Buffos und Wicked.

Schön an der Kunstform des unabhängigen Hartrocks ist auch die internationale Verschwisterung. So hat die Zürcher Band Anker,

die zu etwa drei Fünfteln (Rechnen fällt dem Schreibenden abends manchmal schwer) aus Frauen besteht, vor einiger Zeit eine Single zusammen mit der Karlsruher Band 6000 Crazy veröffentlicht. Die Gruppen haben je eine Seite der Scheibe bespielt, und so was verbindet über alle Grenzen hinweg. "Rockers Hi-Fi", einer der zwei Anker-Songs, ist eine expressive Anklage gegen das Unrecht auf der Welt. "We have not enough space in our brains", wird da als Fazit gerufen. Hat ja einiges für sich. Auch diese Single ist ein Beleg für das günstige Klima, in dem das Pflänzchen Züripunk sich zum Affenbrotbaum ausgewachsen hat.

Die Taufe der neuen Catchpole-Single findet morgen Samstag ab 22.00 Uhr im "G 5", Geroldstrasse 5, statt (Barbetrieb ab 20 Uhr). Neben Catchpole treten die Bands Wicked und Los Buffos auf. Die Catchpole-Scheibe sowie die Split-Single von Anker und 6000 Crazy gibts im ausgesuchten Vinyl-Fachhandel.