© Tages-Anzeiger; 1999-01-18; Seite 50
Kultur
Das wild gewordene Sowjetdenkmal
Durchlauferhitzer für ungestillte Emotionen: Das Zürcher Punktrio Catchpole.
Laut, lustig und gar nicht larmoyant: Fünf Bands krakeelten zum Auftakt der Rockwoche in der Roten Fabrik.
Es ist ein Ort mit internationaler Ausstrahlung. Lernt man im Ausland Endzwanziger kennen, deren Jugend in Freiburg oder Feldkirch verdämmerte, so kriegt man schon bald einmal zu hören, wie wichtig die Rote Fabrik und besonders deren Kneipe "Ziegel oh Lac" fürs Heranreifen war.
Von durchgesessenen Nächten am Gestade des Zürichsees ist dann die Rede und von legendären Ausflügen zur Konzertreihe "Ziischtigmusig", die dauerten, bis man sich den Schulbesuch am Mittwochmorgen definitiv abschminken durfte. Und prompt fallen dann auch dem Einheimischen Musikabende im "Ziegel" ein, die seine Sozialisation nachhaltig prägten. Pyromanische Auftritte des Thurgauer Multimedia-Verbunds Halle K etwa, oder der New Yorker David Garland, der seine Soloshow zwischen Hawaii-Schlagern und stimmverzerrten Minimal-Experimenten positionierte.
Warm um die Leber
Alljährlich im Januar widmet sich der "Ziegel" dem einheimischen Schaffen: die Rockwoche gibt Zürcher Bands Gelegenheit, im sympathisierenden Rahmen aufzutreten. Headliner am Freitagabend waren Fleisch, eine der dienstältesten Punkbands der Stadt. Vor einer dichten Rauhfasertapete aus Gitarre, Bass und Trommelwerk schritt der Sänger Kilometer ab - auf einer geschätzten Bühnenbreite von 6 Metern - und fauchte, jaulte und dröhnte dazu ins Mikrofon, dass den nostalgischen Fans warm um die Leber wurde.
Hauptanreiz der Rockwoche ist es, auch unbekannte Bands kennen zu lernen oder auf ihrem Weg weiterzuverfolgen. Am Samstag zum Beispiel spielte Fleisch-Gitarrist Luki mit zwei jüngeren Kollegen unter dem Bandnamen Disco ein witzig-chaotisches Set von hingebretterten Zweiminutensongs. Hardcore, Metal, Crossover, Punk - wen kümmert die Etikette! Jedenfalls hatte man es lustig, das Trio übte sich in Verständigungsschwierigkeiten, und auf der Bühne standen Lukis Schuhe wunderbar parkiert, denn er spielte in den Socken, und zwar auf dem Saalboden unten.
Etwas am Punk-geeichten Stammpublikum vorbeiprogrammiert war der anschliessende Auftritt des Hardcore-Quartetts End this Scene. Drei knüppelharte Instrumententräger - ihrer anfänglichen Befangenheit nach zu urteilen erst kürzlich dem Übungskeller entflohen - boten auf etwas monotone Weise Hartmetallisches. Ein Erlebnis der optischen Art war allerdings der Selbstdarsteller am Mikrofon, der immer wieder zu theatralischen Ausfallschritten ansetzte, wie ein Berserker über die Bühne taumelte und in seiner ganzen Ausstrahlung einem wild gewordenen Sowjetdenkmal ähnelte.
Einen verhaltenen Beginn erwischte danach auch das Quintett Anker. Das mochte mit Soundproblemen zusammenhängen, vielleicht aber auch damit, dass nicht alle Songs der Band gleichermassen überzeugen. Denn an sich sind Anker - drei Frauen an Gitarre, Bass und Gesang, verstärkt durch einen Drummer und einen zusätzlichen Gitarristen - dabei, eine höchst belebende Attraktion in der Zürcher Musikszene zu werden.
Energiekrachendes Herz
Der Drummer ist dieser Gruppe ein ungemein leidenschaftliches, energiekrachendes Herz, und es war spannend mitanzusehen, wie sich die fünf dann doch fingen und je länger, desto befreiter aufspielten. Wendepunkt war ausgerechnet die Eigenkomposition "It's in my Head". Am Ende kam Feststimmung auf, geriet das Konzert zur dichten, emotionalen Alltagsschluchten-Fahrt.
Höhepunkt der ersten zwei Abende war für den Schreibenden aber der saftige Auftritt des Trios Catchpole, am Freitag gleich als erstes über die Bretter gegangen. Angetan mit schwarzen Sonnenbrillen, die nach dem dritten Song nach hinten flogen, legten die drei Musiker eine stets witzige, selbstironisch lockere, kraftvolle Powerpunk-Attitüde an die Nacht, dass es eine Freude war. Catchpole verabreichten dem Publikum melodiöse Punkschnitten mit rasanten Refrains, fungierten als Durchlauferhitzer für ungestillte Freitagnacht-Emotionen. "100% No-Talent" stand auf dem T-Shirt des Sängers. Auch so kann man's sehen.